Der Markt für E-Bike-Antriebe befindet sich in einer Phase der Transformation. Neue Anbieter setzen auf immer höhere Leistungswerte, etablierte Hersteller justieren ihre Strategien. Gleichzeitig sorgen Entwicklungen rund um Fazua und dessen Umfeld bei vielen Marktteilnehmern für Unsicherheit. Für Hersteller stellt sich damit die Frage neu, auf welche Partner und Technologien sie künftig setzen. Ein Gespräch mit Eugen Elmiger, dem CEO von maxon über Chancen, Risiken und Verantwortung in einem sich verändernden Markt.
Herr Elmiger, der Markt diskutiert derzeit intensiv über die Situation rund um Fazua. Welche Bedeutung hat das für maxon?
Zunächst ist festzuhalten: Wettbewerb ist für die Entwicklung eines Marktes zentral. Anbieter wie Fazua haben wichtige Impulse gesetzt, insbesondere im Segment leichter, sportlicher E-Bikes. Entsprechend werden die aktuellen Veränderungen von vielen Herstellern, Händlern und auch Endkunden aufmerksam verfolgt.
In solchen Phasen verschiebt sich die Verantwortung innerhalb der Branche. Unternehmen, die langfristig im Markt engagiert bleiben, werden stärker daran gemessen, ob sie Stabilität und Orientierung bieten können.
Wo sehen Sie konkret neue Spielräume?
Strukturelle Veränderungen schaffen fast immer Raum für neue Konstellationen. Das betrifft insbesondere die Frage nach Abhängigkeiten innerhalb der Wertschöpfungskette. In den vergangenen Jahren hat sich eine stärkere vertikale Integration einzelner Anbieter abgezeichnet – nicht selten mit Überschneidungen zwischen Systemlieferanten und Fahrradmarken. Das schafft Effizienz, kann aber auch zu Zielkonflikten führen.
Vor diesem Hintergrund wächst das Interesse an unabhängigen Technologiepartnern. Für viele Hersteller stehen derzeit weniger maximale Leistungswerte im Vordergrund als vielmehr Themen wie Differenzierung, Kontrolle über das eigene Produkt und langfristige Planbarkeit.
Wie positioniert sich maxon in diesem Umfeld?
maxon verfolgt einen konsequent fahrerzentrierten Ansatz. Mit dem BIKEDRIVE AIR S adressieren wir ein Segment, in dem nicht Spitzenwerte bei Drehmoment oder Leistung entscheidend sind, sondern das Zusammenspiel aus Fahrgefühl, Effizienz und Systemintegration.
Im Vordergrund stehen dabei drei Aspekte: Ein möglichst natürliches Unterstützungsverhalten, eine robuste technische Auslegung sowie die Möglichkeit für Hersteller, ihre eigene Markencharakteristik zu bewahren. Gerade in Kategorien wie Urban, Gravel oder Road gewinnt diese Differenzierung an Bedeutung.
Der Markt bewegt sich gleichzeitig in Richtung höherer Leistungswerte. Ist ein zurückhaltender Ansatz nicht riskant?
Das ist eine berechtigte Frage. Mehr Leistung ist sichtbar ein dominanter Trend. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob mehr Leistung automatisch ein besseres Produkt und Nutzererlebnis ergibt. Ein Teil der Kundschaft sucht bewusst kein motorisiertes Fahrzeug, sondern weiterhin ein Fahrrad mit unterstützender Funktion.
Hinzu kommt eine regulatorische Dimension: Mit steigenden Leistungsdaten rücken Fragen der Einordnung und Akzeptanz stärker in den Vordergrund. Die Branche hat ein gemeinsames Interesse daran, das Pedelec klar als Fahrrad zu positionieren und dessen Zugänglichkeit langfristig zu sichern.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die grössten Risiken für maxon?
Ein zentrales Risiko ist die Geschwindigkeit, mit der Marktentscheidungen getroffen werden. Plattformen für neue Modellgenerationen werden früh definiert. Wer in dieser Phase nicht präsent ist, wird unabhängig von der technischen Qualität kaum berücksichtigt.
Ein weiteres Risiko besteht in der zunehmenden Fokussierung auf einzelne Kennzahlen, insbesondere das Drehmoment. Wenn sich die Diskussion darauf verengt, geraten andere Eigenschaften wie Effizienz, Präzision oder Zuverlässigkeit in den Hintergrund.
Wie begegnet maxon diesen Herausforderungen?
Im Kern, indem wir an unserem Ansatz festhalten. Das bedeutet erstens, technologische Substanz über kurzfristige Effekte zu stellen. Unsere Systeme sind auf Dauerbetrieb und reproduzierbares Verhalten ausgelegt.
Zweitens verstehen wir die Zusammenarbeit mit OEMs als partnerschaftlichen Entwicklungsprozess, nicht als Lieferung eines abgeschlossenen Systems. Und drittens verfolgen wir eine langfristige Plattformstrategie, die Planungssicherheit bieten soll.
Gerade in einem volatilen Marktumfeld gewinnt diese Form der Verlässlichkeit an Gewicht.
Wird maxon von den aktuellen Marktverschiebungen profitieren?
Ein unmittelbarer Automatismus besteht nicht. Vertrauen entsteht nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch Kontinuität über längere Zeiträume.
Allerdings ist zu beobachten, dass viele Hersteller ihre bisherigen Annahmen überprüfen. In diesem Kontext wird maxon zunehmend als technologisch konsistenter und unabhängiger Anbieter wahrgenommen. Sollte sich daraus ein Vorteil ergeben, dann als Ergebnis einer langfristigen Positionierung – nicht als kurzfristige Reaktion.
Was dürfen Partner und Hersteller künftig von Ihnen erwarten?
Vor allem Klarheit: In der Technologie, in unseren Plattformen und in unserer Position im Markt.
In einem dynamischen Umfeld handeln wir konsequent: Wir sind ein unabhängiger Partner, entwickeln präzise Systeme und stellen das Fahrerlebnis ins Zentrum.
Wir sind überzeugt, dass genau dieser Fokus langfristig den Unterschied macht, auch in einem Markt, der sich derzeit neu sortiert.